„Zu Ihrer eigenen Sicherheit“: Gedanken zum faschistischen* Bevölkerungsscanner-Experiment am Bahnhof Südkreuz

Theorie und Praxis der entgrenzten Sicherheitsideologie – Pilotprojekt am Bahnhof Südkreuz: Eine Studie in Leichtgläubigkeit.

Ein Gastbeitrag aus dem Kreise des freiheitsfoos.

 

Stellen Sie sich vor, der Staat mutiert zum Spannerstaat und alle glauben, es sei für ihre persönliche Sicherheit …

Der dringende Aufruf: Seien Sie nicht leichtgläubig. Wenn Ihnen jemand erzählen will, eine „Maßnahme“ sei (nur) zu Ihrer Sicherheit, prüfen Sie unbedingt ihre Sinnhaftigkeit. Prüfen Sie alternative Erklärungen und lassen Sie sich von den angeblichen Vorteilen nicht blenden. Denken Sie auch an die Gefahren.

Auch wenn bei der Videoüberwachung (und -vorratsspeicherung!) gelegentlich Bilder oder Daten abfallen, die einen Gewalttäter überführen helfen – das Mittel der totalen Überwachung wollen Sie einem Staat, dem Sie nicht wirklich vertrauen können, nicht geben. Einem Staat können Sie aber um so weniger vertrauen, je mehr Details aus Ihrem Leben in seinen Datenbanken landen und gerastert werden und um so mehr, wenn das staatliche Verhalten transparent und nachvollziehbar ist – denn wenn Macht die Besten unter uns korrumpieren kann, was macht sie dann erst mit einem Innenminister, der Killerdrohnen für eine „ethisch neutrale“ Waffe hält. Oder einem von der AfD – jener Partei, die sich von den Ideen ihrer bürgerlichen Gründungsmitglieder losgelöst hat, mit dumpfen Hassbotschaften den Sprung in den Bundestag schaffen will – und selbstverständlich schon jetzt nach all den Mitteln lechzt, die angeblich einmal für Ihren „Schutz“ gedacht waren, um eine konforme Gesellschaft nach ihrem eigenen rückständigen, intoleranten Menschenbild zu formen.

* Unsere Wortwahl im Titel wollen wir nicht als rhetorischen Missgriff oder Übertreibung verstanden wissen. Wir wollen verdeutlichen, dass spätestens durch eine Totalerfassung durch eine Technologie, die Einblicke in den Gemütszustand der Menschen verspricht (und zudem mit Vorratsdatenspeicherung und Sanktionen gekoppelt werden wird), der Rubikon auf dem Weg in den totalen Staat überschritten wird. Sogar die Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, die im größten Geheimdienstskandal der Geschichte durch Aussitzen und Verharmlosen glänzte, scheint dies auf irgendeiner Ebene zu bemerken. Kürzlich sprach sie diese unvergesslichen Worte: „Ich will jetzt hier kein Horrorland aufbauen, aber …“ – aber was? Man muss sich schon entscheiden.

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Eröffnung der Bundeshacker-Dienststelle ZITiS: „Hacken“ heißt jetzt „Forschen“ … und: Die Verschmelzung von Zivilem mit Militärischem, die Abkehr vom Grundsatz, Sicherheitslücken offenzulegen und zu beseitigen anstelle sie für eigene Zwecke zu missbrauchen, sowie die Kunst, eine wichtige gesellschaftliche Diskussion darüber möglichst zu verhindern

Am letzten Donnerstag nachmittag wurde in München die „Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich“, kurz „ZITiS“ mit 2wöchiger Verspätung offiziell durch Innenminister de Maiziere eröffnet. Wir haben an der (kurzen) Pressekonferenz zu diesem Anlaß teilgenommen.

Anstelle ausführlich über die Pressekonferenz zu berichten, möchten wir für das Grobe auf den im wesentlichen gut zusammenfassenden heise-Beitrag zu diesem Anlass (sowie auf unsere Bilder von der Veranstaltung – alle unter CC-BY-SA) verweisen und uns stattdessen auf einige Details konzentrieren und mit über die sonstige Berichterstattung hinausgehenden Bemerkungen und Informationen der Diskussion um die ZITiS Vorschub leisten.

  1. Zur Entstehungsgeschichte von ZITiS
  2. Das neue ZITiS-Gebäude in der Zamdorfer Straße 88 in München
  3. Vom Zusammenwachsen von Militär und Polizei
  4. Dokumentation der Abkehr des Bundesinenministeriums vom Grundsatz der Aufdeckung von IT-Sicherheitslücken
  5. Vom Aussitzen heikler Pressefragen bzw. die Verweigerung einer öffentlichen kritischen Debatte zum staatlichen Umgang mit Zero-Day-Exploits
  6. Zum Streit zwischen Bundesinnenministerium und Bundesdatenschutzbeauftragter
  7. ZITiS-Neusprech: „Hacken“ heißt nun „Forschen“
  8. Bislang offen gebliebene Fragen

 

Im Einzelnen:

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Bundesverfassungsgericht nimmt Verfassungsbeschwerde gegen die neue Vorratsdatenspeicherung nicht zur Entscheidung an

Heute teilte das Bundesverfassungsgericht schriftlich mit, dass es eine aus den Reihen des freiheitsfoos stammende Verfassungsbeschwerde gegen die neue Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikations-Verbindungsdaten (Az. 1 BvR 2825/16) nicht zur Entscheidung angenommen hat.

Der entsprechende Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats des BVerfG stamme vom 31.8.2017 und die Richter Kirchhof Masing und Paulus wollen diese Entscheidung nicht begründen.

Es bleibt also rätselhaft, warum diese, formell/strukturell auf der Verfassungsbeschwerde des Rechtsanwalts Meinhard Starostik beruhende Beschwerde nicht behandelt wird.

Inhaltlich ging es in dieser am 14.12.2016 verfassten Beschwerde insbesondere um

  1. die besondere Betroffenheit von journalistisch tätigen, bloggenden Personen, ohne per Gesetz zur neuen Vorratsdatenspeicherung als solche anerkannt zu sein, also unrichtigerweise nicht zu derjenigen Gruppe der Menschen hinzugezählt zu werden, deren Kommunikation als „besonders schützenswert“ bewertet wird,
  2. dem besondere Augenmerk auf Mängel im von der Bundesnetzagentur verfassten Anforderungskatalog nach § 113f TKG, wie vom freiheitsfoo schon vor einiger Zeit veröffentlicht, allerdings angepasst an die letztgültige Fassung des Anforderungskatalogs vom 23.11.2016.

Das Recht, eine solche Verfassungsbeschwerde einzureichen, gilt als so genanntes „Jedermanns-Recht“. Das bedeutet, dass prinzipiell jeder Mensch, dessen Grundrechte durch ein neues Gesetz verfassungsrechtlich unzulässig beschnitten werden, die Möglichkeit haben soll, sich mittels einer solchen Verfassungsbeschwerde dagegen zu wehren.

Bisherige Erfahrungen (Beispiele: Volkszählung 2011, Niedersächsisches Versammlungsgesetz, Bundesmeldegesetz) sprechen allerdings eine andere Sprache.

Die aufgezählten Verfassungsbeschwerden, die formell allen Ansprüchen des BVerfG genügt haben und zum Teil sogar von einen oder mehreren erfahrenen Anwälten erstellt worden sind, wurden allesamt begründungslos „nicht zur Entscheidung angenommen.“

Nachfragen an das BVerfG zu Gründen der Nichtannahme stoßen regelmäßig auf ein Mauer inhaltlichen Schweigens. Selbst auf dem Wege der Einsichtnahme mittels Informationsfreiheitsgesetz oder als Verfassungsbeschwerdeführer reagieren die Karlsruher Richter damit, dass man nur in diejenigen Dokumente des Verfahrens Einblick erhalten werde, die man selber bereits kenne, also selber dem Gericht eingereicht habe.

Diese Intransparenz und der höchstrichterliche Wille, keine Chancen auf erfolgreichere Verfassungsbeschwerden einräumen zu wollen, ist fern von dem Selbstanspruch, den das BVerfG und die Verfassung von sich haben bzw. postulieren. Dem einfachen Menschen und Bürger, der keinen politischen oder medienwirksamen Hintergrund aufweisen kann, scheinen die Tore zum Karlsruher Gericht verschlossen zu bleiben.

Tiefpunkt deutscher Rechtssprechung: OVG Lüneburg erklärt flächendeckende Videoüberwachung für rechtens und bewertet subjektiv empfundenes Sicherheitsgefühl stärker als den Eingriff in das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung! [UPDATES]

Heute hat das niedersächsische Oberverwaltungsgericht (OVG) in Lüneburg ein im Trend des Zeitgeistes liegendes Urteil in einem Streit zwischen der Niedersächsischen Landesdatenschutzbeauftragten und dem Bus- und Bahnverkehrbetreiber Hannovers, der ÜSTRA AG, gefällt. Es geht um die Frage der Rechtmäßigkeit umfassender Videoüberwachung (VÜ) im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Wir waren bei Verhandlung und Urteilsverkündung dabei.

Das bundesweit im Fokus von Verkehrsunternehmen und Überwachungsbefürwortern und -skeptikern im Fokus befindliche Verfahren endete in einem grund- und menschenrechtlichen Fiasko.

Der Tenor der Entscheidung in aller Kürze: Flächendeckende Videoüberwachung im öffentlichen Personennahverkehr sei rechtens, wenn (in welchem Umfang auch immer!) die Chance zur Verhinderung oder (!) Verfolgung von Straftaten möglich sein könnte.

Wissenschaftliche Belege, dass Videoüberwachung keinen oder nur bei leichteren Straftaten bedingt messbare Erfolg bei der Verhinderung von Kriminalität hat zogen beim Gericht ebensowenig wie die Frage nach Verhältnismäßigkeit oder die grundsätzliche Frage, ob Privatunternehmen nun (anders als bisher in deutscher Rechtstradition) als verlängerter Arm der polizeilichen Strafverfolgung dienen können.

Doch es kam noch schlimmer:

Der vorsitzende Richter des 11. Senats, der zugleich Berichterstatter des Verfahrens gewesen ist, betonte in der am heutigen Nachmittag zunächst mündlich vorgetragenen Urteilsbegründung ausdrücklich, dass die „Befriedigung des Verlangens nach einem höheren subjektiven (!) Sicherheitsempfinden“ als Argument zur Rechtfertigung einer flächendeckenden Videoüberwachung diene.

Dieses Aussage ist ein Fanal, ein Aufgeben der Haltung, wonach Einschnitte in die Grundrechte von Menschen nur aufgrund abwägender Überlegungen zur Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit von Grundrechtseingriff und dessen Effekt, und zwar auf Fakten basierend, vorgenommen werden dürfen und sich nicht nach Stimmungen oder Meinungsumfragen richten dürfen.

Man könnte darüber hinaus auch behaupten: Dieses Urteil und die damit verbundenen Folgen für die drohende massive Ausweitung der staatlichen und privaten Videoüberwachung des öffentlichen Raums ist die erste Folge der von Herrn de Maziere im April 2017 in Kraft getretenen, euphemistisch als „Videoüberwachungsverbesserungsgesetz“ bezeichneten Erweiterung des § 6b BDSG. Dieser Paragraph normiert die Zulässigkeit von Videoüberwachungsanlagen. Mittels einer heftigst umstrittenen textlichen Ergänzung um einen Satz legitimiert die Gesetzesänderung eine große Zahl von Überwachungsmaßnahmen, die bislang so nicht zulässig gewesen wären:

Heute fiel das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, das Recht sich unerkannt im öffentlichen Raum bewegen zu dürfen diesem neuen, dem Populismus und diesem der Sicherheitsesoterik geschuldeten Gesetz zum Opfer.

Nachfolgend unser ausführlicher Bericht von der heutigen Verhandlung mit dem dazugehörigen Kontext:

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Kanzlerkandidaten-„Duell“ – Obacht: Merkel betont zweifach das Vorhaben eines bundesweiten Musterpolizeigesetzes!

Gestern diskutierten die Kanzlerkandidaten von CDU/CSU und SPD und boten (gemeinsam mit den ausgewählten vier Moderatoren) die seit 2002 übliche Parteipolitshow, die merkwürdigerweise als „TV-Duell“ bezeichnet wird.

Ganz am Ende der gut 95minütigen Sendung (ZDF-Aufzeichnung bei YouTube verfügbar) wurde das Thema „Innere Sicherheit“ angesprochen und wir möchten hier dokumentieren, was die beiden Protagonisten dazu von sich gegeben haben.

Martin Schulz (SPD):

  • „Bessere Bezahlung“ für Polizisten,
  • „Entbürokratisierung“ und Entlastung der Polizei von „Alltagsdingen, die auch andere machen könnten, wie z.B. Ordnungsamt“ bei Blechschäden-Verkehrsunfällen.

Angela Merkel (CDU):

  • Pro „Abhör- und Datenerfassungsmöglichkeiten auch bei sozialen Medien“,
  • Pro Schleierfahndung,
  • Pro Videoüberwachung „so, wie die Polizisten das wollen“,
  • Contra Polizisten-Kennzeichnung, „weil man den Polizisten nicht traut“,
  • Pro Musterpolizeigesetz

Wir möchten insbesondere auf das von Frau Merkel besonders betonte Vorhaben des „Musterpolizeigesetzes“ und noch einmal auf die damit für die Gesellschaft verbundenen Gefahren hinweisen.

Hier die Zusammenhänge und die inhaltlich verkürzten, die politische Absicht hinter dem Vorhaben verbergenden Äußerungen von Frau Merkel:

„Ich habe mich dafür eingesetzt, und das ist unser Regierungsprogramm, dass wir ein Musterpolizeigesetz machen, für alle Länder und den Bund und dass wir dann zu einem Maß gleicher Sicherheit kommen. Wir haben nämlich heute in Bayern für Polizisten bessere Ausrüstung und bessere rechtliche Möglichkeiten als wir das in anderen Bundesländern (…) haben.“ (Im YouTube-Video ab 1h31m30s.)

Und:

„Ein Musterpolizeigesetz, dass alle Polizisten in Deutschland die gleichen technischen und rechtlichen Möglichkeiten, um Verbrechern auf die Schliche zu kommen.“ (Im YouTube-Video ab 1h32m22s.)

Im Gesamtzusammenhang eines eineinhalb Minuten langen Audiomitschnitts hier zum Nachzuhören: