
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Eskalationsmodell nach Wilhelm Heitmeyer. (Quelle: Wikipedia. Lizenz: CC 3.0)
Welches Prädikat, welches Adjektiv beschreibt die „AfD“ oder deren Wesen am besten? Gibt es „die“ „AfD“ überhaupt?
Häufig wird das Wirken der „AfD“ oder ihrer Politiker*innen (manchmal auch der Fans der Partei) als „rechtspopulistisch“ bezeichnet. Wer noch drängender auf die eigenen Sorgen rund um die Entwicklung der „AfD“ hinweisen will greift zur Bewertung als „rechtsextremistisch“. (Auch wir in der freiheitsfoo-Redaktion können uns davon nicht freimachen.)
Wilhelm Heitmeyer war einer der ersten, wenn nicht gar der erste, der in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts damit begonnen hat, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, Gewaltbereitschaft und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aus soziologisch-wissenschaftlicher Perspektive zu untersuchen und empirisch zu erfassen. Der Begriff der „Parallelgesellschaft“ stammt von Heitmeyer, auch wenn der Begriff im weiteren sicher nicht immer im Sinne Heitmeyers verwendet/missbraucht wurde.
Schon lange weist Heitmeyer darauf hin, dass der Begriff des Rechtspopulismus in Bezug auf die „AfD“ nicht passe, dafür sei er zu verharmlosend. Und auch Rechtsextremismus sei nicht der richtige Ausdruck.
Heitmeyer bezeichnet das von der AfD präsentierte Weltbild dagegen als
autoritären Nationalradikalismus.
Aus einem Gespräch von Wilhelm Heitmeyer mit Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk in der Reihe „Zeitzeugen im Gespräch“ (hörenswerte 55 Minuten, mp3), gesendet am 28.3.2024 (Ausschnitt ab ca. Minute 51, Hervorhebungen durch uns):
„Es wird immer schwieriger [für Gegenbestrebungen zur brachialen Ausbreitung des Autoritären]. Und vor allem auch deshalb, weil gerade in Hinblick auf die AfD ja ein neuer Politiktypus sich herausgebildet hat. Die AfD wird ja häufig unter Rechtspopulismus abgearbeitet oder benannt, gerade auch in Medien und in der Politik und ich finde das atemberaubend, dass man immer noch nicht sieht, wie verharmlosend dieser Begriff eigentlich ist. Das ist die eine Seite. Und die andere Seite: Da wird mit dem Begriff des Rechtsextremismus operiert und da muss man einfach berücksichtigen: Rechtsextremismus in klassischer Weise operiert immer mit Gewalt. Die AfD ist sehr viel intelligenter auf dem Weg und deshalb bezeichne ich sie als autoritären Nationalradikalismus und habe das ja auch in zwei Büchern deutlich gemacht, dass das eigentlich die Erfolgsspur ist, und indem die AfD in die Institutionen, in die gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen eindringen will. Daraus entsteht eigentlich tatsächlich die Bedrohung von innen. Denn die AfD will ja daraus hinaus, das ihr Verständnis autoritärer, nationalistischer und radikaler Politik sich normalisiert in diesen Institutionen. Und alles, was als normal gilt kann man ab einem gewissen Punkt gar nicht mehr problematisieren. Also: Dort lagern eigentlich in dieser neuen Erfolgsspur die tatsächliche Bedrohungen.“ (mp3-Schnipsel dazu)
Oder an anderer Stelle im Zusammenhang mit der Erläuterung des Begriffs „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ so beschrieben:
„Mit Hilfe des Eskalationsmodells veranschaulicht Heitmeyer die Verbreitung unterschiedliche Stufen autoritärer Weltbilder innerhalb der Bevölkerung. Die Intensität autoritärer Weltbilder nimmt von außen nach innen zu, wobei äußere Schichten den innen liegenden ihre Legitimität verleihen. Verwiesen wird damit darauf, dass nicht nur rechtsradikale Gruppen eine Bedrohung darstellen. Auch diejenigen Personen, die diesem Weltbild nur punktuell zustimmen, stellen für radikalere Gruppierungen einen Legitimationsfundus dar.
Im Februar 2017 schreibt Heitmeyer, dass sich die Normalität in der Gesellschaft verschoben hat:
„Dies ist besonders brisant hinsichtlich zweier basaler Normen dieser Gesellschaft, die nicht verhandelbar sind – und doch immer wieder bedroht werden durch Normalitätsverschiebungen. Es ist erstens die Gleichwertigkeit und zweitens die psychische und physische Unversehrtheit von allen Menschen, die in einer Gesellschaft leben.“
Diese Normalitätsverschiebungen werden durch einen aggressiven Sprachstil von rechtspopulistischen Akteuren erzeugt. Medien nutzen diese Provokationen, um auf dem Markt präsenter zu sein. Unsichtbare gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wird „durch Mobilisierungsexperten unter anderem von Pegida und AfD in öffentliche Manifestationen verwandelt“. „Durch die benannten Mechanismen und Akteursgruppen werden neue Normalitäten etwa von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit erzeugt“. Die AfD mache ihr „autoritärer Nationalradikalismus“ erfolgreich, der darauf abziele, für die Gesellschaft wichtige Institutionen zu destabilisieren.
Nach Heitmeyer hat diese Erzeugung neuer Normalitäten „eine prekäre Zivilität zur Folge.“ Die errungene Zivilität wird durch die benannten Akteure wieder zerstört.
In einem Gastbeitrag zu Spiegel online äußerte sich Heitmeyer zur Verwendung des Begriffs „Rechtspopulismus“, den er als verharmlosend ansieht. Sowohl von rechtspopulistischen als auch von gewalttätigen rechtsextremistischen Richtungen unterscheide sich ein „autoritärer Nationalradikalismus“ dadurch, dass er „auf die Destabilisierung von gesellschaftlichen und politischen Institutionen zielt, um einen Systemwechsel zu erreichen. Systemwechsel heißt nicht Diktatur, sondern im Rahmen bisheriger legaler Verfahren die Umstellung auf eine geschlossene Gesellschaft und eine illiberale Demokratie“. Es gehe „vor allem um das Eindringen in die Institutionen, also Justiz, Polizei, Medien, Schulen, Kulturbereich, politische Bildung, Gedenkstätten, Sport, Bundeswehr, Gewerkschaften, Theater und, und, und“. Zugleich verweist er auf „das existierende Eskalationskontinuum im gesamten rechten Spektrum“. Laut Heitmeyer „ist die Entdifferenzierung durch die allgegenwärtige Verwendung des Begriffes Rechtspopulismus gefährlich“.“
Quelle: Wikipedia, aufgerufen am 22.5.2026.
Das mag hilfreich sein für das Verstehen der Vorgänge. Aus dem Verstehen vermag in Zusammenhang mit innerer wie äußerer Reflektion auch Handeln entstehen.






