Am nächsten Sonntag, den 13.9.2026 finden in Niedersachsen die Kommunalwahlen statt.
Auch in Hannover werden Oberbürgermeister und Räte gewählt. Gegen den aktuellen Bürgermeister Belit Onay von den Grünen wettern alle anderen Parteien. Wir berichten hier an einem konkreten Beispiel, wie die CDU dabei möglicherweise auch zu unfairen Mittel der Wählerbeeinflussung greift.
Die ganze Geschichte hat aber auch überregionale Gesichtspunkte – es geht um populistische Stimmungsmache und darum, dass der aktuelle „Sicherheitsdiskurs“ stark an gefühlter Sicherheit, nicht aber an der tatsächlichen ausgerichtet wird. Und diese gefühlte Unsicherheit wird vielfach von Nationalradikalen, Populisten und den ihnen nacheifernden Parteien befeuert.
Gliederung
- Zusammenfassung
- Der Vorgang
- Der Nachgang
- Die unfaire Redezeitverteilung
- Was bleibt?
1. Zusammenfassung
Am 29.5.2026 sendete das ZDF-Morgenmagazin im Rahmen der Reihe „Moma vor Ort“ live vom Raschplatz Hannover und wollte damit die „Sicherheit im öffentlichen Raum“ behandeln.
Abgesehen von einer ungleichgewichtigen Redezeitverteilung zwischen Befürwortern und Kritikern der verschärften „Sicherheitsmaßnahmen“ in Hannover und einer nicht ganz neutralen Haltung des Moderators erlebte ein Mitglied des freiheitsfoo als eingeladener Gesprächspartner, wie sich eine junge CDU-Frau als angeblich neutraler Publikumsgast in die Sendung einschleicht und eine Menge an Redezeit zugeteilt bekommt.

Möchte Emma F. so nicht haben oder sehen: Ein Obdachloser am frühen Morgen des 29.5.2026 am Raschplatz.
Sie nutzt diese, um „ihre“ Sicht der Dinge darzustellen, die sich wie ein Auszug aus einer CDU-Wahlkampfrede in dem gerade beginnenden Kommunalwahlkampf um das Oberbürgermeisteramt und den Rat der Stadt Hannover lesen. Auch wirken die Aussagen – zumindest subjektiv betrachtet – nicht wirklich authentisch, eher auswendig gelernt.
Nach der Live-Sendung und erster Recherche weisen wir das ZDF auf den Sachverhalt der heimlichen Partei-Stimmungsmache hin. Das ZDF geht der Sache nach und bittet eigenen Angaben zufolge die Betroffenen bzw. Beschuldigten um Stellungnahme. Ob es die je gegeben hat wurde uns vom ZDF nicht mehr mitgeteilt. Jedenfalls hat das ZDF den Vorgang öffentlich unkommentiert stehengelassen.
2. Der Vorgang
Am 29.5.2026 sendete das ZDF-Morgenmagazin im Rahmen der Reihe „Moma vor Ort“ live vom Raschplatz Hannover und wollte damit die „Sicherheit im öffentlichen Raum“ behandeln (Mediathek-Link). Auch das freiheitsfoo wurde dazu eingeladen – man benötige noch kritische Stimmen und wolle ja ein ausgewogenes Bild darstellen.
So kam es dazu, dass sich der Verfassende dieses Beitrags am frühen Freitagmorgen, nachdem der erste Ansturm des Gästepublikums eingelassen worden war (man musste sich beim ZDF vorher dazu anmelden), ans Ende der nun kürzer gewordenen Warteschlange am Seiteneingang des Sparkassengebäudes am Raschplatz anstellt. Nach ihm – einem vorgefahrenen Taxi entsteigend – folgt bald danach eine junge Frau, mit der er ins Gespräch kommt. Ihre Identität stellt sich später als Emma F. heraus, die sich dem ZDF und der Fernseh-Öffentlichkeit als „Jura-Studentin“ – und nichts weiter – vorstellt.
Frau F. erzählt, mit dem Verfasser in der Warteschlange wartend und ins Gespräch gekommen, dass sie ja so kurzfristig dabei sei: „Ich bin erst gestern angerufen worden, dass ich hier auftreten soll. Man hat mich hier angemeldet.“ Später wird uns vom ZDF mitgeteilt, dass Frau F. nur als Publikumsgast angemeldet worden und dann aber – so das ZDF weiter – spontan und zufällig als Publikumsvertreterin ausgewählt worden ist.
Die Auswahl von zwei Vertreter*innen aus dem Publikum erfolgte, so das ZDF auf Nachfrage, nach der Methode, dass die Publikumsgäste „beim Einlass von unserern Gästebetreuern gefragt werden, ob jemand etwas zum Thema Sicherheit sagen möchte.“
Da ergeben sich für uns zwei Widersprüche bzw. offene Fragen, die das ZDF auch bis zum Ende der gemeinsamen Kommunikation uns nicht erklären konnte:
1. Warum wusste Frau F. schon noch in der Warteschlange stehend, dass sie „auftreten“ wird?
2. Warum wird Frau F. vom ZDF als Publikumsvertreterin ausgewählt, obwohl sie doch so ziemlich die letzte in der Warteschlange ist, die als Publikumsgast Eintritt erlangt? (Sie war dadurch zeitlich recht spät erst vor Ort.)
Aber erst mal weiter im Chronologischen.
Noch in der Warteschlange stehend und mit Frau F. small-talkend kommt eine weitere Person hinzu. Eine eloquent wirkende und permanent lächelnde Frau, die sich sogleich zu Frau F. gesellt, obwohl hinter ihr noch einige wenige weitere Personen anstehen. Beide scheinen sich gut zu kennen und beginnen sofort intensiv miteinander zu reden. Das Gespräch von Frau F. mit dem Verfasser dieses Berichts ist damit beendet.
Wir werden erst später herausfinden, dass es sich bei der zweiten Person (siehe Screenshot aus dem moma) um die CDU-Kommunalpolitikerin und ehemalige (erfolglose) Bundestags- und Landtagskandidatin Diana Rieck-Vogt handelt.
Als wir an der Schlange dran sind und uns der Eintrittskontrolle vorstellen werden wir, der Verfasser und Frau F. samt Begleitung, von den „normalen“ Publikumsgästen getrennt und gesondert von einer Mitarbeiterin der ZDF-Redaktion persönlich abgeholt und in den Backstagebereich gebracht. Frau F. wird schon mal geschminkt, sie soll gleich am Anfang drankommen (mp3-Clip erste Redezeit).
Für den Verfasser ist diese Geschichte damit zunächst beendet.
Erst im Verlaufe der Sendung, als sich herausstellt, dass die kritischen Stimmen anzahl- und redezeitmäßig deutlich in der Unterzahl sind, als klar wird, dass Frau F. – anders als der zweite Publikumsgast, der sich abwägender und weniger populistisch als Frau F. äußert – sogar noch einen zweiten Slot zur Darstellung ihrer „Meinung“ erhält (mp3-Clip zweite Redezeit), als der Verfasser von einem anderen Anwesenden der Sendung andeutungsweise erfährt, dass Frau F. gar nicht nur die junge „Jura-Studentin“ ist, als die sie sich ausgibt, sondern einen parteipolitischen Hintergrund hat, erst dann wächst das Interesse an mehr Aufklärung zur Sache.
Beide Redebeiträge von Frau F., direkt hintereinandergeschnitten:
Die Moderation und die immer wieder repetierte Kurzdoku waren zusätzlich nicht wirklich neutral. Wer sich dazu einen eigenen Eindruck verschaffen möchte, dem sei die Sichtung der Sendung in der Mediathek empfohlen.
3. Der Nachgang
Wie schon geschrieben: Beim Verfasser erwacht die Neugier, als ein anderer Anwesender der Sendung davon spricht, dass Emma F. wohl „ein Sprachrohr der CDU-Pressestelle“ sein könne.
Zunächst finden wir heraus, dass die begleitende erwachsene Frau eben die CDU-Politikerin Diana Rieck-Vogt ist.
Wir fragen bei der für uns zuständigen Redakteurin vom ZDF, Frau H. zunächst noch zögerlich, später konkret unter Vorlage unserer Erlebnisse und Recherchen nach, wie der Auswahlprozess der zur Aussprache eingeladenen Publikumsgäste erfolgt und wie das im Fall von Frau F. gelaufen ist.
Das ZDF bzw. dessen Redakteurin teilt uns mit, dass man nun hinterher herausgefunden habe, dass Emma F. Mitglied der „Jungen Union (JU)“ ist, dass man die JU um eine Stellungnahme gebeten habe. Das mit der JU-Mitgliedschaft habe man vorher nicht gewusst und man werde darauf „reagieren“.
Die Entscheidung, Frau F. ein zweites mal zu Wort kommen zu lassen sei aus Zeitgründen vor Ort im Ü-Wagen gefallen.
Auf weitere Nachfragen an die Redakteurin erhielten wir zuletzt keine Antwort mehr, eine öffentliche Reaktion des ZDF ist unseres Wissens nach bis dato nicht erfolgt.
Wir haben Frau Rieck-Vogt angeschrieben und um Stellungnahme gebeten. Wir erhielten wir keine Antwort von der CDU-Politikerin.
Wir haben aber noch herausgefunden, dass Frau F. noch wenige Wochen vor der Sendung mit dem aktuellen CDU-Bürgermeisterkandidaten unterwegs gewesen ist und einen Wahlkampftournee-Termin mit ihm zusammen wahrgenommen hat. Da muss also noch etwas mehr sein als nur die JU-Mitgliedschaft.
Aus diesem Grunde verbloggen wir nun die ganze Sache.
4. Die unfaire Redezeitverteilung
Das ZDF hatte zum moma eine Reihe von Menschen angefragt und eingeladen, um für kurze Statements oder Gespräche zur Verfügung zu stehen.
Dass es dabei ein Ungleichgewicht zwischen Befürwortern und Kritikern der zunehmenden Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen im öffentlichen Raum gab wird anhand der von uns analysierten Redezeiten deutlich. So waren die Kritiker nicht nur zahlenmäßig in der Unterzahl, sie erhielten auch insgesamt deutlich weniger Redezeit als die Befürworter.
Von den 15 zum Wort kommenden Menschen haben – nach unserem Dafürhalten – neun eine PRO-Haltung für mehr Überwachung und Kontrolle mittels Technik und Menschen eingenommen. Weniger als halb soviel, nämlich vier Menschen nahmen dagegen eine CONTRA-Stellung ein.
Bei der Redezeit ergibt sich unserer Auswertung nach ein noch deutlicheres Ungleichgewicht:
64% der Redezeit ging für die PRO-Reder*innen drauf, nur 24% der Redezeit erhielten die Kritiker des Überwachungsfetischismus, die CONTRA-Redner (allesamt männlich, leider).
Ergänzend und nicht unwichtig auch noch das:
Das Publikum war mit einem großen Prozentsatz von uniformierten Polizist*innen besetzt. Wie kam das?
Die Polizeiakademie Nienburg kam gleich mit zwei Einsatzfahrzeugen und brachte – so das Ergebnis unserer Presseanfrage an die Akademie – gleich 27 Menschen, hauptsächlich Studierenden in das Publikum hinein. Sie waren initiativ vom ZDF dazu eingeladen worden. Das sei eine im Rahmen des Studiums durchaus übliche „zusätzliche Veranstaltung“ gewesen und außerdem eine „außergewöhnliche Gelegenheit, die hiesige Nachwuchsgewinnung indirekt zu flankieren“ – so die Polizeiakademie Nienburg uns gegenüber. Eine der Studierenden kam dann auch gleich als eine der Gesprächspartnerinen des moma-Moderators zum Einsatz.
Uns als Gruppe freiheitsfoo hat das ZDF im Vorfeld auch Freikarten angeboten. „So fünf.“

Juni 2019: Eine Protec-Mitarbeiterin mit Schäferhund vertreibt einen Obdachlosen vom Hauptbahnhof Hannover: „Aufstehen! Jetzt aber!“
Schließlich ließ es sich die moma-Redaktion nicht nehmen, hier und da Live-Bilder vom angeblich so gefährlichen Raschplatz einzublenden. Da war nur leider meistens nichts los. Gähnende Leere, ein Müllcontainer, dessen Betreiber sich über eine tolle Fernsehwerbung gefreut haben dürfte und nur ungefährliche und meistens langweilige/gelangweilte Passanten.
Von den „bis zu 150 Obdachlosen, die sich im Sommer auf dem Raschplatz aufhalten“ – so der Moderator – keine Spur an dem herrlichen Sommerwettertag.
Immerhin konnte/durfte ab und zu ein Polizeiwagen auf dem Raschplatz hin- und herfahren und sich so dem morgendlichen Fernsehpublikum Deutschlands präsentieren. Dazu muss man wissen, dass die Polizei direkt auf dem Raschplatz eine eigene Polizeistation betreibt.
5. Was bleibt?
Nun, mindestens dreierlei:
1. Die naheliegende Vermutung der heimlichen Kommunalwahlkampf-Beeinflussung durch die CDU Hannover.
2. Die Manifestierung des sachlich unbegründeten Gefühls der allgemeinen Unsicherheit im öffentlichen Raum, durch das Morgenmagazin mitunterstützt durch dessen Gästeauswahl, Redezeitverteilung, Publikumsgestaltung und eine nicht wirklich neutrale Moderation. Das damit entstehende/wachsende „subjektive Unsicherheitsgefühl“ wird seitens populistischer und konservativer Gruppen, Politik und Medien dazu missbraucht, Überwachung ständig auszubauen. Selbst ÖPNV-Betreiber und Gerichte folgen dem Tabubruch, nicht die tatsächliche sondern die gefühlte Sicherheit zum Maßstab ihres Handelns zu erheben.
3. Die ernüchternde Erfahrung, dass das ZDF den Vorgang für nicht so wichtig hält, als dass es dazu öffentlich und transparent Stellung beziehen will. Und die damit verbundene offen gebliebene Frage, wie das zu erklären ist.









