Polizeiliche Kriminalstatistik: Wie verwertbar sind deren Angaben zu „Ausländerkriminalität“ und was genau ist das überhaupt?

Aus dem lesenswerten Interview von Donate Hasselmann vom Mediendienst Integration mit Gina Wollinger, Professorin für Kriminologie und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW, erschienen am 20.4.2026 [Kürzung und Zusammenfassung sowie Anmerkungen durch uns]:

Von dem – nüchtern betrachtet – verzerrten Weltbild der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS)

Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt das sogenannte Hellfeld: also nicht die gesamte Kriminalität in Deutschland, sondern nur die Straftaten, die der Polizei bekannt werden. (…) [Man muss] sich die Frage stellen […]: Was landet am Ende in der PKS, was nicht? Mehrere Studien haben gezeigt, dass Personen, die als fremd wahrgenommen werden, häufiger angezeigt werden als Personen, die als deutsch wahrgenommen werden. Das kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat das bezüglich jugendlicher Gewaltdelikte erforscht: Sind Opfer und Täter ohne Migrationsgeschichte, wird in 7,9 Prozent der Fälle angezeigt, ist das Opfer ohne und der Täter mit Migrationsgeschichte, wird in 22,4 Prozent angezeigt.

Berücksichtigung der Straftat-Kontexte

Ein weiterer Umstand sind Tatkontexte. Es gibt bestimmte Kontexte, in denen bei Streitigkeiten eher die Polizei gerufen wird. Ein Beispiel sind Flüchtlingsunterkünfte: Menschen leben hier unter erschwerten Bedingungen auf sehr engem Raum. Nicht nur macht das Streit wahrscheinlicher – sondern es wird auch eher die Polizei gerufen als im privaten Kontext.

Zum Einfluss von Racial Profiling, z.B. im besonderen von der Polizei als Kriminalitätsschwerpunkte ausgerufenen Gebieten, bei Alkoholverbots- oder Waffenverbotszonen

Wo mehr kontrolliert wird, wird auch mehr gefunden. Und dass als „fremd” wahrgenommene Personen öfter von der Polizei kontrolliert werden als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft, haben verschiedene Studien und Befragungen gezeigt. Aber es gibt keine gesicherten Zahlen dazu, in welchem Ausmaß sich das auf die PKS auswirkt.
[Zum in Hannover im Zusammenhang mit den ständig ausgeweiteten Waffenverbotszonen offen angekündigten Racial Profiling siehe z.B. hier unter Punkt 1. Und was diese Zonen mit den Menschen machen lässt sich anschaulich in einem Bericht vom NDR vom 1.6.2026 aus Wolfsburg betrachten.]

Unsinnige Kategorie „Ausländer“

Die Kategorie „Ausländer” trägt nichts zur Erklärung von hohen oder niedrigen Kriminalitätszahlen bei. Kriminalitätsfördernde Umstände liegen – da ist sich die Forschung einig – in den jeweiligen Lebensumständen begründet: Vor allem Armut und Bildungsteilhabe sind zentrale Faktoren.

Brachliegende Steuerungsinstrumente zur Senkung von Kriminalität

Mit den hiesigen Bedingungen in Deutschland können wir steuern, ob es zu mehr oder weniger Kriminalität kommt. Eine Studie nach den großen Fluchtbewegungen 2015/2016 hat gezeigt: Die Bleibeperspektive von Geflüchteten ist ein entscheidender Faktor für die Frage, ob jemand kriminell wird. Syrer und Syrerinnen zum Beispiel hatten eine sehr gute Bleibeperspektive – für sie war klar, dass sie in Deutschland bleiben dürfen. Dadurch hatten sie Planungssicherheit und konnten sich um ihre Integration, um Spracherwerb und Arbeit kümmern. Diese Planungssicherheit ist die beste Kriminalprävention. Das Gegenteil davon sind Duldungen, in denen die Menschen überhaupt keine existenzielle Sicherheit und Planungsmöglichkeiten haben.

Kategorie „Ausländerkriminalität“ ist polizeilich nicht verwertbar

[Zur Kategorie bzw. zum Begriff der „Ausländerkriminalität“:] Man versucht hier mit einem Merkmal eine Gruppe zusammenzufassen, bei der es gar keine Homogenität gibt in Bezug auf Lebenserfahrungen und -umstände. Es gibt für das Konstrukt „Ausländer” kein gemeinsames Merkmal, das relevant wäre für die Kriminalität. Stattdessen schürt es aber ein gewisses Bild von Menschen, die sich auf Grund ihres Status anders verhalten würden. Es suggeriert, dass Kriminalität und Herkunft etwas miteinander zu tun haben. „Ausländerkriminalität“ ist polizeilich oder kriminologisch nicht verwertbar. Kriminologisch interessant und verwertbar sind vielmehr die Kategorien: Sozioökonomischer Status, Bildungsteilhabe, eigene Gewalterfahrungen, gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen – kurz, welche Motive und Hintergründe hinter kriminellen Aktivtäten stehen.

Ungesehene hoher Anteil von Opfern unter den sog. „Ausländern“

Rund 26 Prozent der Opfer von Straftaten sind laut PKS nichtdeutsch. Die sogenannte Vorurteilskriminalität, also Straftaten etwa aus rassistischen Gründen, sind derzeit auf dem höchsten Stand, der je gemessen wurde.

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