Rezitiert – capulcu: Mobilgeräte als Teil des technologischen Angriffs

Im nachfolgenden zitieren wir den abschließenden Teil eines Beitrags von capulcu aus dem März 2026, in dem es eigentlich zunächst um das für Smartphone unter Aktivisten beliebte Betriebssystem GrapheneOS geht, weiter dann um Vor- und Nachteile im Vergleich mit dem Desktop- und Notebook-Betriebssystem Tails.

Besonders interessant, anregend und diskussionswürdig sind die dann folgenden Gedanken über die grundsätzliche Frage, ob und wie weit mensch sich auf die Nutzung von Smartphones überhaupt einlassen möchte.

Und diese Gedanken möchten wir hiermit gerne teilen und verbreiten:

Kommen wir nun zum spannendsten Teil dieses Texts, nämlich, warum wir immer noch skeptisch sind. Mobilgeräte sind eine der Speerspitzen des (informations-)technologischen Angriffs. Der technologische Angriff ist ein Konzept, das wir aufgegriffen haben, um Technologiekritik als Herrschaftskritik zu betreiben. Konkret verstehen wir unter dem technologischen Angriff, dass technische Innovationen strategisch zur schöpferischen Zerstörung eingesetzt werden. Das bedeutet, wir begreifen die Digitalisierung und Mobiltelefone als ein Vehikel, das diese Zerstörung bis in die letzten Winkel unseres Alltags trägt, als Zertrümmerung der alten Arbeits- und Lebensformen im umfassenden Sinn mit dem Ziel der Unterwerfung unter ein neues technologisches Regime. Wir wollen diese alten Zustände nicht als „gut“ oder gar verteidigenswert darstellen, die Stoßrichtung des technologischen Angriffs jedoch ist konträr zu einer freien und egalitären Gesellschaft. Das mag abstrakt klingen. Wir werden nun aber deutlich machen, was wir meinen. Dabei konzentrieren wir uns nur auf die direkten Folgen des Angriffs für uns als Bewegung – die Folgen der Verbreitung von Smartphone und Co auf die Breite der Gesellschaft haben wir in unseren Texten oft genug analysiert. Die derzeitige gesellschaftliche Rechtsentwicklung und Faschisierung hat seine Ursachen u.a. in den Folgen des technologischen Angriffs. Trump, Musk & Co wären ohne Smartphones und soziale Medien nicht derart erfolgreich. Wir erleben derzeit ein Faschisierung, die durch die Zerschlagung vorher bestehender zivilgesellschaftlicher Strukturen, die soziale Atomisierung und die algorithmisch-gesteuerte Reichweitenverstärkung der sozialen Netzwerke verstärkt wurde. Die Identifikationsangebote der Faschisierung (Nationalismus, Rassismus, Patriarchat) bieten zumindest Teilen der Gesellschaft den notwendigen Ersatzkitt, um die Atomisierung erträglich zu machen und sich mit den Verhältnissen zu arrangieren. Insofern ist die Faschisierung als komplementär zum technologischen Angriff zu sehen.

Unter diesem technologischen Regime haben alle emanzipatorischen Kräfte systematisch schlechte Karten, gesellschaftliche Relevanz zu entfalten. Faschisierung und technologischer Angriff fallen aus unserer Sicht nicht zufällig zeitlich zusammen, und wir halten eine Bekämpfung der Faschisierung ohne Auseinandersetzung mit dem technologischen Angriff für wenig aussichtsreich.5

In den letzten Jahr(zehnt)en hat sich zunehmend mehr Kommunikation ins Digitale verlagert. Diese Entwicklung hat auch vor unseren Gruppen und Bewegungen nicht Halt gemacht. In Teilen der Linken werden die Möglichkeiten des Digitalen unkritisch abgefeiert oder zumindest „trotz alledem“ genutzt. Bei einer überraschenden Räumung, Hausdurchsuchung oder ähnlichem Ereignis werden heute über Messenger und soziale Medien schnell viele Leute erreicht. Es ist also gut, dass es diese Möglichkeit nun gibt. Oder vielleicht doch nicht?

Virtuelle Räume und Messengerkommunikation führen in den seltensten Fällen zu entschlossenem Handeln. Physische Zusammenkünfte finden sicherlich immer noch statt, aber wie viel seltener kommt es aktuell zu organisierten politischen Handlungen und wie sehr helfen Onlinedienste (Social Media) der Handlungsfähigkeit – oder führen zu Ohnmachtsgefühlen und substituieren das Bedürfnis, etwas zu tun? Der Griff zum Mobiltelefon ist daher ein Griff ins Klo – jedenfalls vom Standpunkt einer dynamischen kraftvollen Bewegung, die in der Lage ist, reale Fortschritte in sozialen Kämpfen durchzusetzen. Trotzdem sehen wir auch die Beispiele (People on the move, die Proteste in Hongkong 2019 oder aktuell der GenZ-Proteste z.B. in Marokko), wo Messengerkommunikation soziale Räume nicht ersetzt, sondern erschaffen hat.

Wem das zu viel falsche Nostalgie ist, die kann vielleicht mit der folgenden Begebenheit mehr anfangen. Als im April diesen Jahres in Teilen Spaniens der Strom länger ausfiel, öffnete sich ein Möglichkeitsfenster, um Aktionen ohne Kameraüberwachung an kritischen Orten, etwa in Innenstädten, durchzuführen. Genoss:innen aus Barcelona berichteten uns, dass es auch genug interessierte Leute gab. Allerdings fanden sie nicht zusammen. Denn mit dem Internet fiel auch Signal als einzige verbliebene Kommunikationsstruktur aus und hinterließ einen Haufen handlungsunfähiger Individuen, die sich bestenfalls mal in Kleingrüppchen trafen.

Es bleibt nicht folgenlos für unsere Bewegungen, wenn wir einen derart tiefen Eingriff in unsere Organisationsform zulassen. Klar, auch mit einem Tails-Rechner findet digitale Kommunikation statt. Der Eingriff ist aber weit weniger invasiv. Denn der Rechner wird vielleicht nur alle paar Tage angeschaltet und nicht wie das Smartphone alle paar Minuten gezückt. Außerdem nehmen ihn Leute nicht zum Treffen mit. Er zwingt daher zu verbindlichen Absprachen, die auch ohne Messengerkommunikation funktionieren. Und ja, wir alle saßen schon mal an einem Treffpunkt und keine:r kam oder wir wurden am Bahnhof nicht abgeholt. Wir haben es überlebt.

In der Beantwortung der Frage, welches Gerät oder Betriebssystem verwendet werden sollte, ist die Frage nach der Sicherheit für uns aus den genannten Gründen nachrangig gegenüber der Frage nach den sozialen Folgen für die politische Organisierung. Konkret heißt das: Auch wenn ein bestimmtes Mobiltelefon technisch das sicherere Gerät sein sollte – und wir haben unsere Zweifel an dieser einseitigen Behauptung deutlich gemacht –, verlieren wir durch die Verwendung von Mobiltelefonen als Bewegung mehr, als wir gewinnen.Wir machen uns nicht vor, die Entwicklung umkehren zu können. Der technologische Angriff läuft auch in unseren engsten Beziehungen auf Hochtouren, aber wir werden weiter Überzeugungsarbeit leisten, uns ihm entgegenzustellen, wo es möglich ist.

Bevor man uns jetzt nachsagt, wir würden die Risiken von Überwachung und Repression verharmlosen: Ja, die Überwachung unserer Kommunikation und Analyse unserer Strukturen wird für die Behörden im Digitalen um ein Vielfaches effizienter und praktikabler als im Analogen. Sie wird aber umso leichter, je mehr Kommunikation digital stattfindet. Mobilgeräte waren diesbezüglich für die Linke ein echter Gamechanger. Außerdem erzeugen diese Geräte gänzlich neue Klassen von Daten, z.B. Standort- oder Sensordaten. Wir glauben deshalb, dass mehr (GrapheneOS-) Smartphones zu mehr statt weniger Repression führen werden, schlicht und ergreifend, weil mehr Kommunikation darüber stattfinden wird als es sie über (Tails-) Desktop-Rechner je gegeben hätte. Auch wenn das Gerät verhältnismäßig schwer zu kompromittieren ist, birgt das Gefühl der Sicherheit die Gefahr des fahrlässigen Umgangs, sodass das eigene Verhalten technische Sicherheitsgewinne im Handumdrehen zunichte machen kann. Mobile Geräte führen in diesem Sinne zu einer Vergrößerung der (sozialen) Angriffsfläche.

Die Frage, die wir uns stellen, lautet also, ob und für was wir überhaupt ein Smartphone haben wollen und welche Folgen dieses Gerät für unser Leben und unsere Organisierungen hat, oder ob wir nicht lieber die Ressourcen investieren, starke analoge Strukturen aufzubauen (z.B. regelmäßige Treffpunkte, vereinbarte Orte im Fall von spontanen Ereignissen usw.). Und wenn wir – aus welchen Gründen auch immer – zu dem Schluss kommen, dass am Mobiltelefon keine Weg vorbeiführt: Welches Verhältnis wollen wir zu dem Gerät haben und können wir es nicht aus unserer politischen Organisierung heraushalten? Welches Verhältnis wollen wir zu einer Technologie haben, die den technologischen Angriff tief in unsere sozialen Strukturen trägt? Wir sollten diese Fragen nicht leichtfertig beantworten nur mit einem Blick auf die technische Sicherheit von Endgeräten. Und wenn wir darauf bauen, neue Technologien entgegen der im Design eingeschriebenen Zwecke zu verwenden, sollten wir uns Gedanken darüber machen, wie erfolgreich diese Strategie sein kann angesichts der existierenden Machtverhältnisse, und wo ihre Grenzen liegen.

Wir wollen die Antworten auf diese Fragestellungen nicht vorwegnehmen, sondern eine ernsthafte und kollektive Auseinandersetzung anstoßen. Die kollektiven Folgen unserer Entscheidungen gehen weit hinaus über das Risiko, zum Ziel der Repressionsapparate und Datenunternehmen zu werden.

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