Zeitzeichen, 5

victor-klemperer-cc-by-sa-bundesarchiv_bild_183-s90733-mod-freiheitsfooIn unserer Kategorie „Zeitzeichen“ rezitieren wir in unregelmäßigen Abständen und in ebenso unregelmäßigem Umfang Nachrichtenschnipsel oder Zitate, die wir als möglicherweise stellvertretende Beispiele für größere Entwicklungen und gesellschaftliche Symptome empfinden: als Zeitzeichen.

Wir behalten uns vor, dieses oder jenes kurz zu kommentieren oder zu bewerten, oder auch nicht. :)

Der DAK-Gesundheitsreport 2017 vom 15.3.2017 legt nahe, dass sich das Land immer mehr dem Byung-Chul Han’schen Bild einer Müdigkeitsgesellschaft annähert: „In Deutschland haben immer mehr Menschen Probleme beim Ein- und Durchschlafen. Seit 2010 sind die Schlafstörungen bei Berufstätigen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren um 66 Prozent angestiegen. (…) Nach der repräsentativen Studie fühlen sich derzeit 80 Prozent der Arbeitnehmer betroffen. Hochgerechnet auf die Bevölkerung sind das etwa 34 Millionen Menschen. Unter der besonders schweren Schlafstörung Insomnie leidet jeder zehnte Arbeitnehmer. Seit 2010 gab es hier einen Anstieg von 60 Prozent. (…) Für Unternehmen bedeutet das: Fast die Hälfte der Erwerbstätigen ist bei der Arbeit müde (43 Prozent). Etwa ein Drittel (31 Prozent) ist regelmäßig erschöpft. Im Vergleich zu 2010 schlucken heute fast doppelt so viele Erwerbstätige Schlafmittel.“ Und weiter im ausführlichen Gesundheitsreport: „Psychische Erkrankungen lagen mit einem Anteil von rund 17,1 Prozent hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Krankenstand erstmals an zweiter Stelle.“

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. informiert am 11.4.2017 über den Sucht- und Krankheitszustand der Gesellschaft in Deutschland und darüber, wer von davon profitiert: „3,38 Mio. Erwachsene in Deutschland (sind) von einer alkoholbezogenen Störung in den letzten zwölf Monaten betroffen (Missbrauch: 1,61 Mio.; Abhängigkeit: 1,77 Mio.) 74.000 Todesfälle werden jährlich durch Alkoholkonsum oder den kombinierten Konsum von Tabak und Alkohol verursacht. (…) Eine aktuelle Untersuchung beziffert die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums in Deutschland auf rund 40 Mrd. Euro. Dem stehen Einnahmen des Staates aus alkoholbezogenen Steuern von nur 3,2 Mrd. Euro (2015) gegenüber. (…) Im Jahr 2013 starben rund 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das waren 13,5% aller Todesfälle. Hinzu kommen schätzungsweise 3.300 Todesfälle durch Passivrauchen. Die durch das Rauchen entstandenen Kosten belaufen sich in Deutschland jährlich auf 79,1 Mrd. Euro, davon sind 25,4 Mrd. Euro direkte Kosten zum Beispiel für die Behandlungen tabakbedingter Krankheiten, Arzneimittel etc.), und 53,7 Mrd. Euro indirekte Kosten zum Beispiel durch Produktivitätsausfälle. (…) Im Jahre 2015 wurden in der Bundesrepublik Deutschland rund 1,47 Milliarden Arzneimittelpackungen verkauft. Das entspricht einem Anstieg um 3% gegenüber dem Vorjahr. (…) Die verkauften Benzodiazepine reichen immer noch aus, um etwa 1,2 – 1,5 Millionen Abhängige von diesen Arzneimitteln zu versorgen. (…) Im Jahr 2015 wurden in Deutschland 1.226 drogenbedingte Todesfälle polizeilich registriert. Dies entspricht einem deutlichen Anstieg von 19% gegenüber dem Vorjahr. (…) Die Umsätze auf dem legalen deutschen Glücksspiel-Markt sind 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 3,9% auf 40,3 Mrd. Euro gestiegen.“ Der Deutschlandfunk fasst in seiner Meldung dazu ergänzend zusammen: „Schätzungsweise 1,9 Millionen Deutsche brauchten etwa Schlaf- oder Beruhigungsmittel (…) In Deutschland gelten [zudem] 1,8 Millionen Menschen als alkoholabhängig.“

Der ehemalige Bundeswehr-General und -Generalinspekteur Harald Kujat täuscht nur wenige Tage nach dem Bekanntwerden des Treibens des rechtsextremen Soldaten Franco A. die Öffentlichkeit, indem er – wider besseren Wissens und wider des Stands der Dinge – behauptet, es handele sich bei dem Terrorverdächtigen nur um einen außergewöhnlichen Einzelfall und rechtsextreme Strömungen oder Netzwerke gäbe es in der Bundeswehr gar nicht. In einem Interview des DLF vom 3.5.2017 antwortet Herr Kujat auf die Frage, ob Rechtsextremismus in der Bundeswehr symptomatisch vertuscht werde: „Nein, überhaupt nicht. Wenn man sagt, alle Vorgesetztenebenen hätten sich sozusagen verschworen in einem falsch verstandenen Korpsgeist, um solche Vorfälle nicht an die Öffentlichkeit drängen zu lassen und um ihnen auch nicht nachzugehen möglicherweise, dann ist das völlig, völlig falsch. Es geht hier um das Versagen von Einzelnen. Das muss aufgeklärt werden und die müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass das gesamte Führungssystem der Bundeswehr hier zu beanstanden ist, das ist völlig falsch.“

Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) stellt in einem DLF-Interview vom 17.5.2017 hochkommerzialisierte „Profi“-Fußballspiele auf die gleiche Ebene mit politischen Demonstrationen um begründen zu können, warum die Fußball-Vermarktungs-Industrie sich nicht an den Kosten für Polizeieinsätze beteiligen soll: „Stellen Sie sich mal vor, das macht Schule; müssen wir bei Demonstrationen, wo gewalttätige Demonstranten auf dem Weg zur Demo etwas anstellen, dem Veranstalter der Demonstration auch eine Rechnung stellen?“ Ob da der Einfluß von DFB, DFL und Herrn Kind Grund für diese unsinnige und undemokratische Einstellung ist?

Der Hamburger Polizist und G20-Einsatzleiter Herr Dudde auf einer Pressekonferenz der Polizei Hamburg vom 15.6.2017 findet, dass fünf angemeldete Demonstrationen „nicht völlig legitim“ seien und weiß schon drei Wochen vor dem Gipfel, dass alle anderen Demonstrationen „unproblematisch und störungsfrei“ sein werden: „Wenn ich auf 27 versammlungen/Aufzüge aktuell gucke, dann würde ich so jetzt Bauchlage nach meiner Einschätzung: fünf sind vielleicht problematisch, der Rest ist völlig legitimer Protest, der völlig störungsfrei in Hamburg auf die Straße gebracht werden wird.“ (Quelle. YouTube-Video, ab ca. 3’22“)

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg offenbart in einem DLF-Interview vom 28.6.2017 zum Thema des Endes des NSA-Untersuchungsausschusses sein simples, an den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush erinnerndes Weltbild von Gut und Böse: „Wir wollen unsere Energie, unsere Kraft im Bereich der Nachrichtendienste einsetzen, um Terror zu bekämpfen, um wirklich gegen die Bösen vorzugehen und eben nicht gegen die Freunde.“

Gut zu wissen und hier mal seitens des SPD-Vizechefs Torsten Schäfer-Gümbel in einem DLF-Interview vom 10.7.2017 (nach dem G20-Gipfel) dokumentiert: „Gewalt ist niemals ein Mittel der Politik.“ Wird das (endlich) der neue Maßstab „sozialdemokratischer“ Politik sein? Und gilt das auch für Bundeswehr und Polizei?

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